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Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Krishna?

Antwort: Im Kern gibt es keinen Unterschied zwischen der Botschaft Krishnas und der Botschaft von Jesus. Wie der Vater, so der Sohn.

Wenn ein Konflikt zu bestehen scheint, dann liegt das daran, dass den ursprünglichen Lehren von Jesus im Laufe der Zeit ein ganzes theologisches Gerüst aufgepfropft wurde. Deswegen muss man unterscheiden zwischen dem Christus des Glaubens und des Dogmas auf der einen und dem historischen Jesus auf der anderen Seite.

Wir hegen keinen Zweifel, dass das Predigen von Jesus vollkommen war und dass seine universelle Botschaft nicht verschieden ist von den Lehren Krishnas: Nämlich, dass man sich besinnen und Sinnesbefriedigung aufgeben soll, um sich mit voller Entschlossenheit Gott zuzuwenden: "Du sollst deinen Herrn lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzer Kraft."

Das ist der Kern und die Essenz der Lehren von Jesus, und solche bhakti - reine Hingabe zum Höchsten Wesen - war der Inhalt seines Lebens. Sie steht im Mittelpunkt von jeder Art echter Spiritualität.

man-mana bhava mad-bhakto mad-yaji mam namaskuru
mam evaisyasi satyam te pratijane priyo 'si me

"Denke immer an Mich und werde Mein Geweihter. Verehre Mich und bringe Mir deine Ehrerbietungen dar. Auf diese Weise wirst Du ohne Fehl zu Mir kommen. Ich verspreche dir dies, weil du mein lieber Freund bist." (Bhagavad-gita 18.65).

tesam satata-yuktanam bhajatam priti-purvakam
dadami buddhi-yogam tam yena mam upayanti te

"Denen, die mir fortwährend hingegeben sind und Mir mit Liebe dienen, gebe ich die Intelligenz, durch die sie zu mir gelangen können." (Bhagavad-gita 10.10).

tesam evanukampartham aham ajnana-jam tamah
nasayamy atma-bhava-stho jnana-dipena bhasvata

"Um ihnen besondere Barmherzigkeit zu erweisen, zerstöre Ich, der Ich in ihrem Herzen weile, mit der leuchtenden Fackel des Wissens die aus Unwissenheit geborene Finsternis." (Bhagavad-gita 10.11).

Der große spirituelle Meister Srila Bhaktivinoda Thakur lehrt:

manasa deho geho jo kichu mor arpilun
tuwa pade nanda-kisor

"Meinen Geist, meinen Körper, mein Haus, was immer sich in meinem Besitz befindet - ich gebe es Dir hin, mein Herr."

Und Srila Rupa Goswami, der direkte Schüler von Sri Krishna Caitanya, sagt:

sarvopadhi-vinirmuktam tat-paratvena nirmalam
hrsikena hrsikesa-sevanam bhaktir ucyate

"Wenn alle Sinne einer Person im Dienst des Höchsten Herrn beschäftigt sind, der der Herr aller Sinne ist, und wenn die Seele dem Höchsten auf diese Weise reinen hingebungsvollen Dienst darbringt, wird sie frei von allen materiellen Bezeichnungen und die Sinne werden gereinigt." (Narada-pancaratra zitiert in Bhakti-rasamrta-sindhu 1.1.12).

Solcher Dienst für den Herrn schließt alles im Leben ein und es macht einfach keinen Unterschied, ob die Wahrheit von Jesus oder von Sri Krishna gesprochen wird - Vater und Sohn sind eins in ihrer Absicht und eins in ihrer Liebe. Die Botschaft ist dieselbe. Jesus predigte intensives spirituelles Leben, dass man sein Zuhause, seine Verwanden und alles andere hinter sich lassen soll, um sich radikal Gott zuzuwenden in reiner Hingabe:

"Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach." (Matthäus 19:21).

"Sorget euch nicht um irgendetwas: Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht die Scheunen; und euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?"

"Und warum sorget ihr euch um die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht und sie spinnen auch nicht. Jch sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie eine von ihnen." "Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden?" "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen." (Matthew 6:26-33).

"Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Kind bittet ums Brot, der ihm einen Stein biete? Oder, so er ihn bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnt dennoch euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten." (Matthew 7:7-11).

Ein Jünger sagte zu ihm: "Herr, erlaube mir, dass ich hingehe und zuvor meinen Vater begrabe." Jesus antwortete: "Folge Du mir und laß die Toten ihre Toten begraben!" (Matthew 8:20-22). Wir können gar nicht begreifen, wie radikal diese Aussage war in einer orientalischen Gesellschaft, wo es die ausdrückliche Pflicht des Sohnes war, den Vater zu begraben. Das ist der "Wanderradikalismus" (Gert Theissen) der ursprünglichen Jesus Bewegung. Das ist die Stimme von Jesus und die Botschaft, für die die historische Jesus-Bewegung stand. Diese Worte sind Musik in unseren Ohren. Hier hören wir dieselbe alte Stimme, die im Kern und an der Wurzel jeder echten Tradition zu vernehmen ist:

sarva-dharman parityajya mam ekam saranam vraja
aham tvam sarva-papebhyo moksayisyami ma sucah

Gib alle Arten von weltlicher Religion auf und gib dich einfach Mir hin. Ich werde dich von allen sündhaften Reaktionen befreien. Fürchte Dich nicht ..." (Bhagavad-gita 18:66).

Solch transzendentales Wissen ist universell, unveränderlich und untersteht nicht der Spekulation von Theologen und Philosophen. Es ist raja-vidya raja-guhyam, "der König der Bildung, das geheimste aller Geheimnisse",

pavitram idam uttamam, pratyashavagamam dharmyam, "Es ist das reinste Wissen und weil es durch Verwirklichung eine direkte Wahrnehmung des Selbst vermittelt, ist es die Vollkommenheit der Religion." su-sukham kartum avyayam, "Es ist immerwährend und wird mit Freude praktiziert." (Bhagavad-gita 9.2).

Es ist einzig und allein abhängig von der Hingabe der Seele und dem vollständigen Sich-ergeben in den Willen des Höchsten Herrn - " ...Vater, ist's nicht möglich, dass dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille ..." (Matthäus 26:42), " ... Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel ..." (Matthäus 6:10).

Als Folge solcher Hingabe offenbart sich Sri Krishna seinem Geweihten:

ye yatha mam prapadyante tams tathaiva bhajamy aham

"Ich offenbare mich jedem in dem Maße, wie er sich Mir hingibt." (Bhagavad-gita 4.11). Unabhängig von Religion, Rasse oder Nationalität - samo 'ham sarva-bhutesu na me dvesyo 'sti na priyah - "Ich bevorzuge niemanden. Ich bin allen gleichgesinnt." (Bhagavad-gita 9.29).

Daher ist spirituelles Leben eine praktisch nachvollziehbare Erfahrung. Praktiziert unter der Anleitung von großen Seelen kann jeder, überall, zu jeder Zeit diese Erfahrung machen.

Leider sind die meisten Christen bedingt durch die theologischen Konstrukte, die ihnen seit langer Zeit gelehrt werden. Es ist schwierig für sie, offen zu sein und das ursprüngliche Konzept zuzulassen. Wir müssen Verständnis haben und versuchen jenen zu helfen, die verstehen wollen.

In diesem Sinne empfinden wir große Wertschätzung für die aufrichtigen Versuche und den enormen Mut der Gelehrten und Forscher des Neuen Testaments in den 150 Jahren ihrer Suche nach Jesus - angefangen von H.S. Raimarus bis hin zu F. Strauss, von Albert Schweitzer zu R. Bultmann und in neuerer Zeit von J. Bornekamm zu J. D. Crossan, John S. Cloppenborg, Burton L. Mack und Marcus J. Borg. Um nur ein paar zu nennen. Diese Männer haben einen gewaltigen Beitrag geleistet, um uns von alten Misskonzeptionen zu befreien.

Und um uns dann den historischen Jesus zurückzugeben. Weiter >>

Zum Weiterlesen:

  1. Einleitung
  2. Wer war Jesus?
  3. Sind Jesus und Krishna eins?
  4. Ist es miteinander vereinbar Jesus zu verehren und Krishna zu verehren?
  5. Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Krishna?
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© 2002 Prithu das Adhikary