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Jesus und Krishna

von Prithu das Adhikary

Einleitung:

Bevor Sie sich dem folgenden Material zuwenden, ist es wichtig, dass Sie Ihr Wissen über die Schriften des Neuen Testaments auf den neuesten Stand bringen. Wir werden daher an dieser Stelle versuchen, die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung der letzten rund 150 Jahre zu präsentieren.

Was Jesus betrifft, sagen uns einige der führenden Gelehrten auf diesem Gebiet Folgendes:
Rudolf Bultmann: "Das Wesen Jesu, das klare Bild seiner Persönlichkeit und seines Lebens, ist bis zur Unkenntlichkeit verblasst."
"In der Tat glaube ich, dass wir heute fast nichts über das Leben und die Persönlichkeit Jesu wissen können, da die frühen christlichen Quellen für beides kein Interesse bezeugen, und oft fragmentarisch und legendenhaft sind ..."

Ernst Käsemann: "Es ist überwältigend wie wenig (von den Berichten über Jesus im Neuen Testament) authentisch genannt werden kann ... die historische Person Jesus ist nur noch auffindbar in einigen Worten der Bergpredigt, im Konflikt mit den Pharisäern, in einer Reihe von Parabeln und einigen anderen Schilderungen.

Günther Bornekamm: "Der Versuch den ursprünglichen Entwurf des Evangeliums nach Markus zu rekonstruieren ist ein hoffnungsloses Unterfangen ..."

Obwohl der gegenwärtige Stand der Forschungen zum Neuen Testament weniger deprimierend ist - besonders im Licht ihrer neuesten Entwicklungen in den Vereinigten Staaten - glauben Experten im allgemeinen, dass Jesus nicht mehr als 15 Prozent von dem, was ihm im Neuen Testament zugeschrieben wird, wirklich gesagt hat.

Der Rest ist Jesus von Schriftgelehrten und Theologen nachfolgender Generationen in den Mund gelegt worden.
Mit anderen Worten: das Neue Testament wurde nicht von Augenzeugen geschrieben.

In der Tat haben sich die vier Evangelien nach und nach herausgebildet und spiegeln die Ansichten verschiedener christlicher Gemeinden wieder, die es seit der Zeit des Markus-Evangeliums, also seit etwa 70 AD, gab.

Das späteste Evangelium, das des Johannes (AD 125), wird heute als das am wenigsten authentische angesehen wegen seiner übertriebenen christologischen und gnostischen Tendenzen. Bultmann bezeichnet das Johannes-Evangelium als einen Tendenzroman.
Was das Matthäus- und das Lukas-Evangelium betrifft, die beide kurz nach Markus enstanden sind (ca. AD 80-85), so besteht allgemeine Übereinstimmung, dass sie den Handlungsverlauf von Markus abschrieben.

Da es Unterweisungen in Matthäus und in Lukas gibt, die nahezu identisch sind, aber nicht in Markus vorkommen, vermuten Forscher, dass diese aus einer anderen gemeinsamen Quelle stammen, die als "Q" (für "Quelle") bezeichnet wird. Man nimmt an, dass Q aus geschriebenen und gesprochenen Ausprüchen von Jesus besteht, die im Umlauf gewesen sein könnten zur Zeit der Zusammenstellung der synoptischen Evangelien (d.h. der von Matthäus, Markus und Lukas).

Diese Annahme in ihrer einfachsten Form heißt die Zwei-Quellen-Theorie. Sie hat beträchtliche Unterstützung erfahren durch das Auftauchen des Thomas-Evangliums (Nag Hammadi Codex, 1945 in Ägypten entdeckt), das in der Tat ein Evangelium von Aussprüchen Jesu ist. Damit war die Existenz eines solchen Genres von Evangelien nachgewiesen.

Keines der Evangelien wurde in Israel geschrieben. Alle reflektieren das Verständnis von sich herausbildenden christlichen Gemeinschaften in den jeweiligen geographischen Orten, die sie repräsentieren.

Der Kern des Gedankengangs liegt also darin, dass die Evangelien, wie wir sie bisher kannten, liebten, und eifrig rezitierten, und in die wir unseren Glauben legten - von der Krippe in Bethlehem zur Kreuzigung in Golgotha und weiter zur Auferstehung und Himmelfahrt - nicht Darstellungen des historischen Jesus sind, sondern Verkündungen des Glaubens über Jesus: das, was christliche Gemeinden außerhalb Israels im Laufe der Zeit, und in jedem Fall nach AD 70, über Jesus zu glauben begonnen hatten.

Gleichermaßen gilt es als gesichert, dass weder Jesus sich selbst noch seine Jünger ihn für den erwarteten Messias hielten, genausowenig wie sie in ihm den Christus sahen, den fleischgewordenen Gott, die zweite Person der Dreifaltigkeit. Sie glaubten auch nicht, dass durch sein Opfer auf dem Kalvarienberg der Menschheit Erlösung zuteil werde.

Sogar das Abendmahl, das wir zuerst in den Briefen des Paul aufgezeichnet finden ("Ich habe es von dem Herrn empfangen, das ich Euch gegeben habe. Denn der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward, nahm das Brot, dankte und brach's und sprach: Nehmet, esset, das ist mein Leib, der für Euch gebrochen wird; solches tut zu meinem Gedächtnis." 1. Korinther 11:23-27), ist höchstwahrscheinlich nicht, was diejenigen empfingen, die mit Jesus wirklich zusammen waren - Peter, Johannes und die anderen Jünger. In der Tat sagt Dominic Crossan, dass die Didache - eine Schrift der jüdisch-christlichen Gemeinde aus dem zweiten Jahrhundert, die 1873 von Philotheos Bryennios entdeckt wurde - nichts von einem derartigen Ereignis berichtet.

Mit anderen Worten: die direkten Jünger von Jesus waren keine Christen.
Und auch Jesus war keiner.
Die essentiellsten theologischen Konzepte des Christentums sind in Frage gestellt: Soteriologie (Jesus als der leidende Erlöser) und Christologie (Jesus als die göttliche zweite Person der Dreifaltigkeit). Damit ist das Christentum in einer fundamentalen doktrinellen Krise seiner Lehre. Und hat eine unglaublichen Chance: die Möglichkeit für einen Neuanfang ...

Vorausgesetzt, es kann sich von den oberflächlichen theologischen Konstrukten befreien, die den einfachen und vollkommenen Lehren des historischen Jesus seit den Tagen des Paul übergestülpt und aufgepfropft worden sind.
Das Christentum muss erst noch die transzendentale Dimension des Gottesbewusstseins (oder Krishna-Bewusstseins) ihres Begründers entdecken und seine Absichten verstehen. Jesus sagte: "Das Königreich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: Da ist es! Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in euch." (Lukas 17.21)

yo mam pasyati sarvatra
sarvam ca mayi pasyati
tasyaham na pranasyami
sa ca me na pranasyati

"Jemand, der Mich überall sieht und alles in Mir sieht, ist niemals von Mir getrennt, und Ich bin niemals von ihm getrennt." (Bhagavad-gita 6.30).

In der Tat: das Christentum hat noch nicht begonnen.
Die Energie und enorme Mühe, die von Forschern des Neuen Testaments investiert wird in die Suche nach dem historischen Jesus, ist beeindruckend. Sie reicht von Hermann Samuel Reimarus (1694 - 1768) bis in unsere heutige Zeit.

Wir sind zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt, und wir kommen aus einer ganz anderen Richtung: der Bhakti Tradition Indiens. Und unter Verwendung ganz anderer Mittel: guru, shastra und sangha:
‚Guru' bedeutet das, was wir von der Schülernachfolge empfangen haben, in unserem Fall von His Divine Grace A. C. Bhaktivedanta Swami, ein Meister und eine selbstverwirklichte Seele in der Gaudiya Vaisnava-sampradaya, einer Nachfolge von verwirklichten Lehrern, die von Brahma über Madhva und Sri Krishna Caitanya bis in unsere Zeit reicht.
Shastra - Wissen aus den vedischen Schriften.
Und Sangha - das, was wir durch die praktische Anwendung des Wissens in der Gemeinschaft der Gottgeweihten lernen.
Das tägliche Leben in der Gemeinschaft der Gottgeweihten, die Erfahrungen mit der Schönheit und der Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens und die Tatsache, dass wir uns ähnlichen Problemen und Widerständen gegenüber sehen, helfen uns zu verstehen, wie es gewesen sein muss vor 2002 Jahren in einer revolutionären spirituellen Bewegung zu leben.
Das Praktizieren von spirituellem Leben unter der Anleitung eines reinen Geweihten Krishnas hat uns außerdem geholfen zu verstehen:
Jesus liebt Krishna.
Und Krishna liebt Jesus.

om ajnana-timirandhasya
jnananjana-salakaya
caksur unmilitam yena
tasmai sri-gurave namah

"Ich wurde in dunkelster Unwissenheit geboren, doch mein spiritueller Meister öffnete meine Augen mit der Fackel der Erkenntnis. Ich erweise ihm meine respektvollen Ehrerbietungen."

Prithu das Adhikary

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PS:
Wenn Sie Fragen haben, schicken Sie mir eine e-mail:
pda@pamho.net

Zum Weiterlesen:

  1. Einleitung
  2. Wer war Jesus?
  3. Sind Jesus und Krishna eins?
  4. Ist es miteinander vereinbar Jesus zu verehren und Krishna zu verehren?
  5. Was ist der Unterschied zwischen Jesus und Krishna?
Über den Author
© 2002 Prithu das Adhikary